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Samstag, 9. Februar 2008

Chasqui, El Alto, Bolivien

CHASQUI ist aymara und bedeutet “der Bote”. Bereits 1988 gruendeten Jugendliche die Institution auf freiwilliger Basis, um ihre Geschwister zu unterstuetzen. Erst im Jahr 2000 wurde offiziell eine Nichtregierungsorganisation (NGO) aus dieser Initiative geformt, und so konnte auch begonnen werden, Geldgeber zu suchen. Seit 2004 ist CHASQUI Projektrpartner von terre des hommes.

Das Projekt mit terre des hommes ist es die Kinder und Jugendlichen des Viertels im Thema liderazgo, was wir mit "der Faehigkeit zu leiten" uebersetzen wuerden, weiter zu bilden und Umwelterziehgung zu betreiben.

CHASQUI liegt im abgelegenen Viertel “Estrella de Belén” El Altos, das dadurch entstanden ist, dass Aymarafamilien aus dem Umland sich angesiedelt haben, um von dem Reichtum der Stadt La Paz zu profitieren. Fuer viele ist ein Hauptgrund der Landflucht der Wunsch, dass es ihre Kinder besser haben sollen, als sie und dass sie studieren koennen.

“Die Familien, die hierher zuwandern, denken, dass sie in die Stadt kommen und alles haben werden, aber in Wirklichkeit haben sie hier nichts und lassen alles zurueck: Ihr Feld, ihr Haus, ihre Familie, ihre Kultur – bis zu ihrer Sprache!”, so der Mitarbeiter Freddy Toledo. Adela Cruz, die Koordinatorin des Projektes, die CHASQUI vor vielen Jahren mitgegruendet hat, kann dieses nur bestaetigen: Nach zwei bis drei Monaten passen sich die Kinder und Jugendlichen der staedtischen Kultur an. Das erste Merkmal ist, dass sie ihre traditionelle Kleidung ablegen und sich “modern” kleiden und bald schaemen sie sich, ihre Sprache zu sprechen. Und das, obwohl fast alle im Viertel Aymara sind.

Besonders auffallend in diesem Viertel ist, dass die Bevoelkerung groessten Teils in zwei Welten lebt: Oft leben nur die Kinder in der Stadt, um zur Schule gehen zu koennen und die Eltern bleiben im Dorf, um weiterhin die Felder bestellen zu koennen. Doch sobald es Wochenende ist, oder Ferien sind, gehen auch die Kinder mit zurueck, um bei der Feldarbeit zu helfen. Diejenigen, die nicht zwischen den zwei Welten leben, arbeiten in ihrer freien Zeit in der Stadt, um so zum Familienunterhalt bei zu tragen.

Fuer diejenigen, die staendig hin und her reisen, ist es besonders schwer eine eigene Persoenlichkeit zu entwickeln: In der Stadt sind sie die vom Land, in ihrem Dorf die aus der Stadt. In keinem der zwei Kulturkreise sind sie ganz zu Hause.

So ist die kulturelle Identitaet die Basis der Arbeit von CHASQUI. Den Kindern und Jugendlichen soll geholfen werden, sich in der neuen Umgebung stolz bewegen zu koennen, mit einem klaren Bewusstsein, wer sie sind und woher sie kommen. Hierfuer ist bei CHASQUI ein Psychologe zustaendig. In der Regel arbeitet CHASQUI mit Studenten, die ihre Praktika absolvieren muessen, da sie nicht genug Geld haben einen Psychologen fest anzustellen. Doch oft findet sich kein Praktikant, der freiwillig nach Estrella de Belén kommt: “ Es ist zu weit weg”, “Die Fahrt ist zu teuer” oder “Es ist zu gefaehrlich”, sind Entschuldigungen, die nach einer kurzen Zeit geaeussert werden, um nichtmehr kommen zu muessen. Adela sagt, dass all diese Entschuldigungen auch begruendet seien und dass die Nichtpraesenz der Polizei die gefaehrliche Situation einmal mehr bestaetigt.

Sensibilisiert durch die Diskussion ueber straffaellige Migrantenkinder und -jugendliche, die derzeit in Deutschland gefuehrt wird, fragen wir an diesem Punkt nach. Ja, es gibt auch hier im Viertel Gangs. Jede Gang hat ihr Territotrium, wobei CHASQUI eine Art neutrales Gebiet darstellt, wo die Gangs nicht als Gruppe gesehen werden, sondern die einzelnen Personen als Individuen. So haben die Mitarbeiter Zugang zu den einzelnen Bandenmitgliedern und bisher auch noch keine Probleme mit ihnen gehabt. Innerhalb der Gangs ist es ueblich, dass Klebstoff geschnueffelt wird und auch die Anwendung von Gewalt ist weit verbreitet.

CHASQUI arbeitet, um an der Situation etwas aendern zu koennen, in einem Netzwerk mit den Schulen und den Eltern zusammen. In regelmaessigen Besuchen werden Elterngespraeche gefuehrt, und nach einer gewissen Zeit bekommen sie dann die Rueckmeldungen der Eltern : “Mein Sohn hat sich sehr veraendert, jetzt hat er Respekt!” Durch Aussagen wie diese wird die muehselige, langfristige Arbeit belohnt.

Wir hatten die Moeglichkeit bei einer Ch’alla zu Ehren der Pachamama, der Mutter Erde, dabei zu sein. Solche Riten der Aymara werden bei CHASQUI regelmaessig durchgefuehrt, damit die Kinder und Jugendlichen ihre Herkunftskultur nicht vergessen.

Chasqui - El ALto - Bolivien

Donnerstag, 24. Januar 2008

wiphala, El Alto, Bolivien

Die wiphala, das ist die Fahne der Indigenen Boliviens, aber auch der ganzen Andenregion. Was sie bedeutet, dazu gibt es 1000 Definitionen. Oft gehoert haben wir, dass sie eine Vereinigung der Vielfalt darstellt. Der vielfaeltigen Kulturen, der Landschaften, der Wissenschaft, der Produktion, des Uebermenschlichen, der Politik und der intellektuellen Entwicklung der Menschen...

In der juengsten Vergangenheit Boliviens ist die wiphala durch die Partei des Praesidenten Evo Morales, die MAS (Movimiento al Sozialismo = Bewegung zum Sozialismus), bekannt geworden, die die wiphala als ihr Symbol verwendet.

Doch auch ein kleines Projekt in El Alto, der Vorstadt von La Paz, nennt sich wiphala. Den Kindern und Jugendlichen des Viertels ist wiphala so ein Begriff: Er steht fuer eine Einrichtung, die arbeitenden Kindern und Jugendlichen (NATs) eine Anlaufstelle bietet, wo sie unter anderem Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen koennen oder eine warme Malzeit zu einem symbolischen Preis von einem Boliviano. Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt auf Erlebnispaedagogik und der Anfertigung der dazu benoetigten Materialien wie Schalfsaecken, ein weiterer bei der Unterstuetung der NATs sich zu organisieren.

Wir haben einige der in der wiphala organisierten Kinder und Jugendlichen bereits in Potosi kennengelernt, wo sie gemeinsam mit den Nats der Organisation Pasocap an dem grossen Fest, den Chutillos, teilnahmen. Spaeter trafen wir Vertreter der wiphala in Cochabamba, auf einem Kongress der NATs Boliviens (UNATSBO) wieder, wo uns der Koordinator Marcelo nach El Alto einlud: "Koenntet ihr uns nicht helfen Fahrraeder zu reparieren? Wir wollen im Januar eine Radreise von El Alto nach Potosi mit den NATs unternehmen!" Das hoerte sich doch glatt so an, als warteten sie nur auf uns - und so sagten wir spontan zu.

Im Dezember radelten wir schliesslich in El Alto ein und einen Tag spaeter ging es los: Wir fanden uns zwischen 15 demontierten und halb verrosteten Fahrraedern wieder, die wieder fahrbar gemacht werden wollten.... Die Erklaerung fuer den miserablen Zustand der Raeder war einfach: Im vergangenen Jahr sind die NATs ueber den Salar de Uyuni geradelt, in der Regensaison, so dass das Salz das gesammte Material angegriffen hat. Einige Jugendlichen haben zeitweise mitgeholfen die Raeder zu reparieren, doch die Arbeit war muehsam und zog sich hin, so dass wir die meiste Zeit alleine mit den Raedern im Innenhof der wiphala sassen und schraubten, fetteten und ab und zu Ersatzteile einkaufen gingen. Nach einer Woche waren wenigstens neun der Raeder wieder fahrbar!

Die NATs der wiphala waren in dieser Zeit sehr beschaeftigt damit, sich dafuer einzusetzen, dass in der neuen Verfassung Boliviens ein Artikel eingebracht wird, der ausbeuterische Arbeit von Kindern verbiete. Sie trafen sich mit Politikern, wie dem Aussenminster von Bolivien David Choquehuanca oder die Vorsitzenden der Verfassungsgebenden Versammlung Sylvia Lazarte, die ihre Bemuehungen durchaus ernst nahm! Sie ist selber Indigena und weiss, dass es in der bolivianischen Kultur tief verankert ist, dass Kinder arbeiten, aber ausgebeutet werden sollen sie dabei nicht. Sie koenne sich selber nicht erklaeren, warum Kinderarbeit in der vorlaeufigen Variante der Verfassung verboten werde, aeusserte sie gegenueber der Delegation der NATs. Und siehe da, die Bemuehungen sollten belohnt werden: Im Dezember wurde die neue Verfassung Boliviens verabschiedet, in der das Anliegen der NATs beruecksichtigt wurde. Ausbeuterische Arbeit von Kindern wird verboten! Mit dem Ziel, genau dieses in der Verfassung zu verankern, wurde wiphala von terre des hommes unterstuetzt. wiphala ist kein permanenter Projektpartner von terre des hommes.

Zu unserer grossen Freude fand in dem Zeitraum unseres Besuches ein wichtiges landesweites Treffen der UNATSBO in La Paz, in den Raeumlichkeiten der wiphala, statt, an dem auch unsere Freunde aus Potosi teilnahmen. Die Wiedersehensfreude war gross - doch eigentlich waren wir bei dem Treffen fehl am Platze, da wir nicht zu den NATs zaehlen und somit nur als Zuhoerer bleiben durften - manche Themen waren allerdings so speziell, dass sie lieber hinter verschlossenen Tueren besprochen werden sollten. Wir konnten das gut akzeptieren und uns wurde dadurch noch einmal deutlich, wie ernst die NATs ihre Aufgabe nehmen.

Wiphala - Offene Tuer fuer Arbeitende Kinder und Jugendliche in El Alto/Bolivien

Mittwoch, 23. Januar 2008

Fundacion La Paz, Bolivien

Die Fundacion La Paz ist langjaehriger Projektpartner von terre des hommes und in La Paz eine der aeltesten Organisationen, die sich fuer Kinder und die Umsetzung ihrer Rechte einsetzt. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Arbeit mit arbeitenden Kindern und denen, die in den Strassen von La Paz leben. Unser erster Kontakt fand in einem fuer uns neuen Kontext statt. Die Kindernachrichtensendung neuneinhalb der ard hat anlaesslich des Tags der Kinderrechte eine Sendung ueber Strassenkinder ausgestrahlt und wir wurden gefragt, ob wir in einem Frage-und-Antwort-Angebot fuer deutsche Kinder und Jugendliche mitarbeiten wuerden. Die Zuschauer sollten die Moeglilchkeit bekommen, Strassenkindern "im Sueden" Fragen zu stelle, die wir den Strassenkindern, die zur Fundacion La Paz kommen, stellen wuerden und ihre Antworten verbunden mit einigen Fotos, sollten anschliessend im Internet veroeffentlicht werden.

Gesagt, getan: So kamen wir erstmal voelligst ahnungslos, wie die Fundacion im Program Sarantañani arbeitet, dort an und lernten waehrend des Fragenstellens, dass dieses Programm den deutschen sozialpaedagogischen Angeboten fuer Strassenkinder in nichts nachsteht!

Die Kinder und Jugendlichen von Sarantañani fanden es sehr spannend, dass es in Deutschland Gleichaltrige gibt, die sich Gedanken darueber machen, wie es ihnen in Bolivien geht. So hat es ihnen auch Spass gemacht all die Fragen zu beantworten. Nur ueber eine Stunde lang still sitzen zu bleiben, war fuer manche eine kleine Herausforderung. Die Antworten der Srassenkinder aus Bolivien findet ihr hier.

Das Programm ist in vier Etappen unterteilt. Die erste Etappe ist ein sehr niedrigschwelliges Angebot fuer die Kinder und Jugendlichen, die noch die meiste Zeit auf der Strasse verbringen. Sie erhalten die Moeglichkeit in einem Bett zu schlafen und mittags warmes Essen zu bekommen, wenn sie sich an einige Regeln des Programmes halten, zu denen unter anderem der Verzicht auf Gewalt und Mitarbeit bei der Reinigung des Gelaendes gehoeren. Das Einhalten dieser schlichten Regeln faellt vielen Strassenkindern schwer, da sie auf der Strasse lebend alle erdenklichen Freiheiten haben und keiner ihnen irgendwelche Regeln vorgibt. Dort herrschen die Regeln der Strasse, die viele der Jugendlichen schon seit vielen Jahren kennen und mit denen sie sich arrangiert haben. Fuer diejenigen, die erst seit kurzer Zeit auf der Strasse leben, ist es wesentlich schwerer diese Regeln der Strasse zu akzeptieren und viele bewegen sich dort sehr unsicher und voller Angst. Ihnen faellt es wesentlich leichter, die Regeln von Sarantañani zu akzeptieren, wo sie mit viel Respekt und Zuneigung empfangen werden.

Wem es gelingt, die niedrigschwelligen Regeln einzuhalten und wer jede Nacht im Programm verbringt, der steigt auf in die zweite Etappe. In dieser erhaelt er ein eigenes Bett in einem Zimmer, das er sich mit bis zu drei anderen teilt. Fuer sie gibt es dann schon weitere Regeln und ausserdem wird versucht mit ihnen Zukunftsperspektiven zu erarbeiten. Dazu gehoert, dass eine Arbeit mit regelmaessigem Einkommen gesucht wird, dass sie wieder in die Schule gehen, dass sie ueberlegen was ihre Lebensziele sind und, dass sie auf einem Sparbuch bei Saranañani Geld sparen. Denn wenn sie in die dritte Etappe kommen, dann muessen sie schon einen kleinen symbolischen Beitrag zur Miete beitragen.

In der dritten Etappe wohnen sie dann in einem eigenen Zimmer, das sie selber gestalten koennen. Dieses befindet sich noch auf dem Gelaende des Programmes und sie werden staendig durch Sozialarbeiter oder Erzieher begleitet, die sie auf ein selbstaendiges Leben vorbereiten. In der vierten Etappe wohnen sie schliesslich in einer Wohnung, die sie selber anmieten und bezahlen. In dieser Etappe werden sie durch einenen Sozialarbeiter von Sarantañani begleitetr und ihr Leben hat sich soweit gefestigt, dass sie beinahe selbstaendig in der bolivianischen Gesellschaft leben koennen und integriert sind. Wenn sie diese Etappe erreichen, unterscheiden sie sich kaum mehr von gleichaltrigen Jugendlichen, doch bis es soweit ist koennen bis zu sieben Jahre bei Sarantañani vergangen sein.

Besonders gewundert hat uns zu hoeren, das die Kinder, die noch auf der Strasse leben, "in den Baeumen "schlafen! Das musste uns erst noch genauer erklaert werden: inmitten der Baumkrone schneiden sie sich einige Aeste raus und legen das entstandenen Loch mit Pappe aus. Der Grund dafuer ist, dass sie in den Baumkronen sicherer sind. Und die groesste Bedrohung ist die POlizei! WEnn sie an einem gut sichtbaren Platz lieben kommt es nicht selten vor, dass sie Polizei vorbei kommt und ihr Geld einfordert - haben si ezu dem Zeitpunkt kein Geld verlangen sie, dass in der naechsten Stnde Geld besorgt wird, das sie dann abgeben sollen. In den Baumkronen werden die Strassenkinder nicht so schnell gesehen, so dass sie dort sicherer sind. Doch die Baeume, die frueher als Schlafplatz dienten, sind nun abgeschnitten worden, damit sie nichtmehr dort schlafen koennen, so berichtet uns Franklin.

Bilder zu Sarantañani und den Fragerunden fuer neueneinhalb:

Fundacion La Paz, Projekt Sarantañani, La Paz Bolivien


Das terre des hommes Projekt mit der Fundacion La Paz ist TUKUYNINCHIS, das ist quechua und bedeutet "Alle Miteinander". In Diesem Projekt werden langfristige Einkommensquellen fuer die Jugendlichen geschaffen. Unter anderem gibt es ein Recycling- Projekt fuer Plastikflaschen, ein Cafe, das die Jugendliche selber bewirtschaften und Fuehrungen, die die Jugendlichen z.B. auf dem Friedhof anbieten. Wir haben diese Fuehrung an Allerheiligen besucht. Todo Santos, wie es in spanisch heisst, ist ein lautes 2 taegiges Fest und nicht wie bei uns ein stiller Gedenktag. Am ersten Tag werden auf den Friedhoefen die Graeber geputzt und geschmueckt, es wird gebetet, getanzt und gesungen. Im weiteren Verlauf des Tages werden die Seelen der Verstorbenen in den Haeusern und Wohnungen erwartet, es werden ihrer Lieblingsessen gekocht und/ oder die favorisierte Biermarke gekauft. Am 2. Tag werden die Seelen wieder zurueck zum Friedof gebracht. Es wird nocheinmal zusammengesessen, gesungen und gegesseen. Aus unserem Besuch haben wir einen kleine vertonte Dia Show gemacht, die ihr hier anguecken koennt:



Anlaesslich der deutschen terre des hommes Aktion "Strassenkind fuer einen Tag" wollten wir bei Saranañani ein Fotoprojekt durchfuehren: "Der Tag eines Strassenkindes" sollte das Thema sein. Hierzu besorgten wir fuenf Wegwerfkameras, die jeweils einem Jugendlichen einer Etappe fuer 24 Stunden zur Verfuegung stehen sollte. Doch erstmal bereiteten wir die fuenf Jungs in einem workshop auf ihre Aufgabe vor, denn keiner von ihnen war zuvor im Besitz einer Kamera und ein Foto wird in Bolivien oft so interpretiert, dass der Mensch das Zentrum des Bildes ist, das er mit ernster Miene ausfuellt. So sollten die Bilder unserer fuenf nicht werden!

Nach grosszuegigen 24 Stunden sammelten wir die Kameras ein, liessen die Abzuege machen und trafen uns anschliessend zum zweiten workshop. In diesem sollte jeder ein Plakat gestalten, indem er die besten Bilder selber auswaehlt und untertitelt. Fuer uns waren die Bilder erstmal aussagelos: Eine Haeuserzeile, davor parkende Autos und einige wenige Menschen... Eine ueberfuellte Strasse... Eine Wiese mit uns unbekannten Menschen drauf....

Doch der zweite workshop war ein voller Erfolg: Die Jungs nahmen sich viel Zeit und gestalteten jeder liebevoll ein Plakat. Jedes Foto wurde untertitelt, und ploetzlich erzaehlten sie eine Geschichte: Die Geschichte ihres Lebens! Aus dem "Tag eines Strassenkindes" war "Mein Leben als Strassenkind" geworden!!!

Als wir uns bei den Jungs bedankten, sagte Diego, dem es erstmal sehr schwer fiel sich auf alles einzulassen: "Nein, nicht ihr muesst danke sagen, ich muss mich bedanken!" Die fertigen Plakate wurden schliesslich im Gemeinschaftsraum von Saranañani ausgestellt, wo alle anderen sie bestaunten und die Geschichten lasen...

Im Folgenden wird der Fotoworkshop bebildert dokumentiert:

Erster und Zweiter Workshop
Fotoworkshop "Mein Tag"


Die Ergebnisse der Jugendlichen

Diego


Edgar


Favian


Gonzalo


Bladimir

Mittwoch, 14. November 2007

Besuch in Cochabamba, Bolivien

Es gab viel zu erledigen, was wir uns fuer Cochabamba aufgehoben haben: Berichte wollten geschrieben und Fotos sortiert werden, aber auch Projekte sollten besucht werden.

Das erste cochabambiner Projekt, das wir kennelernten, war CEIISA (Centro de Estudios e Investigación en Impactos Socio Ambientales). Sie arbeiten gegen den Pestizideinsatz in der Blumen- und Gemüseproduktion. Das von tdh unterstuetzte Projekt setzt bei den Kindern an: In den Schulen werden Unterrichtseinheiten angeboten, in denen die Schueler lernen, was Pestizide ueberhaupt sind, denn viele ihrer Eltern arbeiten taeglich mit diesen. Und da die Eltern oft nicht lesen koennen und auch sonst niemand sie darueber aufklaert, wie giftig die Pestizide teilweise sind, leiden viele an den Folgen: von Kopfschmerzen ueber Uebelkeit bis hin zu genetischen Schaeden der Kinder.

Doch das aendert sich nun: die Kinder koennen uns genau erklaeren, welche Symptome ich bekommen kann, wenn ich Pestizide einsetze und wie ich mich am besten verhalte, um dem vorzubeugen. Ausserdem lernen sie alternative natuerliche Methoden zur Schaedlingsbekaempfung kennen. In kleinen Schulgaerten ueben sie dann: von der Aussaat bis zur Ernte werden keine Chemikalien eingesetzt. Die Schueler haben grossen Spass an dem praktischen Teil, und kuemmern sich mit viel Einsatz um die Gaertchen: Unkraut jaeten, Wasser geben, usw... keine Arbeit wird als schlecht empfunden!

Auf einem jaehrlich stattfinden Fest der Organisation im Ortszentrum praesentierten die Schueler dann das, was sie gelernt haben der Oeffentlichkeit: Jede Klasse bereietete einen Stand vor in dem die Bevoelkerung auf anschauliche Weise vermittelt bekam, was Pestizide sind und wie sie wirken. Nun ist es an der Reihe der Erwachsenen den Kindern gut zuzuhoeren!

CEIISA organisierte das Fest, doch die Gemeinde unterstuezte sie - am staerksten ideologisch. Denn auch ihnen ist bewusst geworden, dass das Oertchen, das bekannt ist fuer seine Gemuese- und Blumenproduktion, auf Dauer einen Schaden nimmt, wenn es bei dem Einsatz der harten Chemikalien bleibt. So sind sie bemueht wenigstens auf lokaler Ebene den Pestzideinsatz zu verringern.

Auf nationaler, wie auch auf internationaler Ebene kaempft CEIISA mit gleichgesinnten fuer das Verbot der gefaehrlichsten Produkte: Viele sind in anderen Laendern bereits verboten, doch in Bolivien noch erlaubt. Das deutsche Unternehmen Bayer z.B. ist ganz gross im Geschaeft: In Deutschland verboten werden die Gifte exportiert...

INFANTE (Promoción Integral de la mujer y la infancia) ist ein weiterer Projektpartner in Cochabamba. Das von tdh unterstuezte Projekt ist ein Frauenhaus - das einzige dieser Art ganz Boiviens, wie uns mitgeteilt wurde! Hierher koennen Frauen mit ihren Kindern kommen, wenn sie mittelfristig Unterschlupf suchen. Die Ursachen sind meist interfamiliaereGewalt in den unterschiedlichsten Formen. Sie kann physisch, psychisch oder sexueller Art sein - INFANTE nimmt alle Opfer auf, wenn es genug Platz gibt. Das heisst bis zu fuenf oder sieben Kinder und die Mutter werden aufgenommen und teilen sich 2 - 3 Betten, derzeit sind elf Frauen dort, viele mit ihren Kindern. Oft teilen sich zwei Familien einen Raum.

Waehrend des Aufenthalts im Frauenhaus werden die Kinder durch eine Erzieherin betreut, wobei sie spielerisch zu Themen wie emotionelle Intelligenz oder Selbstbewusstseinsstaerkung arbeiten. Die Muetter erhalten in psychologhischen Einzelgespraechen individuelle Untertuetzung - in Gruppengespraechen teilen sie ihre Erfahrungen und lernen, dass sie auch Rechte haben. Eine Frau teilte uns mit, dass sie nun weiss, dass sie auch ein Mensch mit eigenen Rechten ist: "Zu Hause regieren die Maenner und stellen die Regeln auf! Doch nun weiss ich, was meine Rechte sind und ich werde mir das nicht mehr laenger gefallen lassen!"

In der Einrichtung koennen die Frauen bis zu drei Monaten bleiben. Das Essen, das sie selber im Turnus zubereiten, wird vom Staat finanziert. Die laufenden Ausgaben muss die Organisation selber aufbringen. terre des hommes uebernimmt einen grossen Teil der Kosten. Der Rest wird als symbolischer Beitrag von den Taetern gezahlt - so ist zumindest die Idee. Viele zahlen, doch manche verweigern dies, so dass die Frau sich durch kleine Arbeiten, wie Putzen oder den Verkauf selber produzierter Dinge, das Geld verdienen muss. Ein Projekt in der Vorweihnachtszeit ist es, Plaetzchen zu backen und diese an andere Nichtregierungsorganisationen oder Firmen in Form zu verkaufen.

Manche Frauen brechen den Aufenthalt in der Einrichtung ab, doch die meisten verlassen sie nach drei Monaten gestaerkt: Einige von ihnen gehen mit den Kindern zurueck zu ihren Maennern, doch andere versuchen es lieber alleine.

Ein Highlight unseres Aufenthaltes war die zweite Aktion der lokalen Plattform im Rahmen der Kampagne "Globalisierung, Kinder kulturelle und biologische Vielfalt". Hierzu haben sich alle tdh- Projektpartner der Region zusammengeschlossen und
in Sacaba, einem Vorort von Cochabamba, auf der "Plaza Central", direkt vor der Kirche und nach der Sonntagsmesse, ein großes Fest organisiert. Jeder Projektpartner hat seinen Zusammenhang mit Vielfalt herausgearbeitet und dieses dargestellt: CEIISA, z.B., hat verdeutlicht, dass die Pestzide nicht in die andine Kulture gehoeren und ueber die Folgen des Pestizideinastzes aufgeklaert.

PUSISUYU (Servicios Andinos Pusisuyu) arbeitet zum Thema Ernaehrungssicherheit mit Gemeinden auf dem Land. Sie haben diverse Samen von Kartoffeln, Mais und Huelsenfruechten ausgestellt. Die Bauern der Umgebung konnten sich einige der Samen mitnehmen, um sie auf ihren Äckern zu kultivieren - so funktioniert das hier! Andere Projektpartner aus den tropischen Regionen von Cochabamba konnten so z.B. ihre Avocados und Bananen gegen Kartoffeln und Mais eintauschen.

Das Fest war ein großer Erfolg: viele Kinder der Organisationen INFANTE, WIÑAY PACHA u.a. haben Theaterstücke, Puppentheater oder traditionelle Tänze vorgeführt und der halbe Ort hat sich um sie gedraengelt, um etwas sehen zu können. Auf diese Weise wurden wichtige Themen wie "kulturelle und biologische Vielfalt", "Stopp des sexuellen Missbrauchs", "Rechte" und aehnliches auf spielerische Weise den Kindern und Eltern näher gebracht.

In der folgenden Woche wollten wir eigentlich das Projekt PUSISUYU besser kennenlernen und mit dem Koordinator in die laendlichen Gemeinden fahren - doch das Wetter hat uns einen Strich durch die Planung gemacht: Durch starke Regenfaelle sind die Zufahrtsstrassen in die Gemeinden fuer Autos unpassierbar geworden! So haben wir nebenbei die Realitaet der Projektpartner kennengelernt: In der Regenzeit sind viele Strassen auf dem Land unpassierbar und die Doerfer oft ueber einige Wochen vom restlichen Land abgeschnitten. Das macht die Arbeit in den Projekten sehr schwer und die Versorgung der Doerfer mit Lebensmitteln erst recht. Da verstanden wir auch gleich noch einmal mehr, warum es fuer die Gemeinden so wichtig ist, autark in der Lebensmittelproduktion zu sein!

Stattdessen nahm Britta an einem Treffen der UNATSBO teil, dem bolivienweiten Netzwerk der arbeitenden Kinder und Jugendlichen (NATs) des Landes. Diese Vereinigung ist derzeit in einer Krise. Um aus dieser raus zu kommen, wurde ein Treffen organisiert, in dem Deligierte der NATs, Organisationen, die mit ihnen arbeiten, und "Freunde der NATs", die sie individuell immerwieder unterstuetzen, teilnahmen. Gemeinsam wurde der Ursprung der Krise analysiert und es wurde ueberlegt, wie die UNATSBO mit vereinten Kraeften aus dieser Krise kommen koennte.

Es wurde ein Papier zum weiteren Vorgehen erarbeitet, und was sehr wichtig war, es wurden Forderungen an die Minister formuliert, denn diese sind gerade im Prozess eines neuen Verfassungsentwurf im Rahmen der Verfassungsgebenden Versammlung. Die UNICEF und ILO fordern mit grossem Druck von der bolivianischen Regierung in der neuen Verfassung das Verbot von Kinderarbeit zu verankern - doch das widerspricht den Interessen der arbeitenden Kinder und Jugendlichen, die arbeiten muessen, um zum Familienunterhalt beizutragen. Die Petition der UNATSBO wurde kurz nach dem Treffen an den Aussenminister uebergeben, der sich sehr offen fuer das Anliegen der NATs gezeigt hat und versprochen hat, diese in der Verfassung zu beruecksichtigen... wir werden sehen!?!

An dem Treffen der UNATSBO nahm auch die Organisation AVE (audiovisuales educativos)teil, die von tdh punktuell unterstuetzt wird. Sie arbeiten mit den NATs des Generalfriedhofes von Cochabamba zusammen, indem sie z.B. Zeichentrickfilme mit ihnen erstellen. Unter anderem ist in der Zusammenarbeit mit ihnene eine Dokumentation ueber die NATs entstanden, die sehr gut erklaert, warum sie arbeiten muessen. Die NATs stellen sich mit grossem Selbstbewustsein vor und es wird deutlich, dass die Realitaet in Bolivien einfach eine andere ist, als die in z.B. Deutschland. Dieser Film hat uns so gut gefallen, dass wir die deutschen Untertitel fuer ihn erstellt haben, damit er in den Schulen zur Aufklaerung ueber die NATs verwendet werden kann.

Zu den Bildern der Projektbesuche:

Projektpartner in Cochabamba

Montag, 15. Oktober 2007

CESATCH, Chuquisaca, Bolivia

CESATCH (Centro de Servicios Agropecuarios Técnicos Chuquisaca) hat seinen Sitz in Sucre, doch die Arbeit findet in der laendlichen Region der Provinz Chuquisaca statt. Chuquisaca zaehlt zu einer der aermsten Regionen Boliviens und zeichnet sich durch eine schlechte Infrastruktur aus. CESATCH ist, wenn auch mit Pause, bereits seit vielen Jahren Projektpartner von terre des hommes.

Die Region ist dadurch gepraegt, dass die lokalen Kulturen noch stark gelebt werden. Wir hatten die Moeglichkeit mit dem Koordinator Victor den "typischen Markt" in Tarabuko zu besuchen, wo wir viele Maenner uns Frauen in ihren farbenfrohen Trachten sahen. Auf diesem Markt wird neben den lokalen landwirtschaftlichen Produkten die bunte Webware der Umgebung verkauft. Victor hat uns in einem kleinen Museum erklaert, dass die Motive auf den typischen tarabukensischen Stoffen Geschichten erzaehlen, die sich um das alltaegliche Leben der Menschen drehen: Es koennen Szenen rund um's haeusliche Leben sein, oder besondere Situationen wie der Karneval oder eine Beerdigung. Die Stoffe sind sehr fein gewebt und haben fuer Bolivien stattliche Preise.

Anschliessend sind wir dann in ein kleines Doerfchen mit dem Namen Morado Q'asa geradelt, in dem CESATCH arbeitet. Zielgruppe des durch terre des hommes unterstuezten Projektes sind Schulklassen und Lehrer in kleinen Gemeinden der Umgebung, mit denen zu Umwelterziehung gearbeitet wird. Es finden regelmaessige Workshops statt, Schulgaerten werden angelegt und auch die Eltern werden beraten.

Mit anderen Projekten werden in den Gemeinden Genossenschaften zur Gemuese-, Obst-, Fisch- oder Honigprodukion aufgebaut. Zudem gibt es eine Gemeinde wo viel Frauen sehr kreative Webarbeiten produzieren, die in der Umgebung verkauft werden. Vielen Familien fehlen vor allem Einkommensmoeglichkeiten, so dass zahlreiche Haeuser schon leerstehen, da die Besitzer ihr Glueck in wirtschaftlich staerkeren Regionen im bolivianischen Tiefland oder im Ausland gesucht haben. CESATCH versucht, mit den Gemeinden neue Wege und Moeglichkeiten fuer einen nachhaltigen Entwicklung zu finden. Ein Mitarbeiter-Team ist immer fuer 20 Tage im Monat vor Ort und organisiert die Arbeit.

Zu unserem Glueck stand in einer der Gemeinden ein Schuljubilaeum an, was mit einem grossen Fest gefeiert wurde. Das ganze Dorf war auf den Beinen, ueberall wurde Essen gekocht und Chicha, eine Eigenbrau- Maisbier, gereicht. In der Schule wurde von der 1. bis 6. Klasse traditionelle Taenze und Theaterstuecke aufgefuehrt. Es wurden Reden gehalten, Vertreter des "Municipios"(Kreis) waren angereist, es gab eine Ausstellung mit typischen regionalen Gemuesesamen und unterschiedlichen Kartoffel- und Maissorten aus einer Region Perus. Die Themen kulturelle und biologische Vielfalt sind auch bei diesem Projektpartner sehr verankerte Schwerpunktthema. Im Anschluss wurde ein Fussballtunier mit Schuelern der 5. und 6. Klassen der umliegenden Gemeinden veranstaltet. Absolut ungewoehnlich war, wie enthusiastisch die Zuschauer, das gesamte Dorf, dem Tunier folgten. Von den kleinen Geschwistern bis zu den Grosseltern waren alle da!

Nach der Siegerehrung war der offizielle Teil dann abgeschlossen und es wurde gefeiert: die zwei das Fest gebenden Familien sorgten fuer das leibliche Wohl der Gaeste und stellten jeweils eine Pucara auf. Die Pucara ist ein aus Holzstangen gebauter Bogen, in dem landwirtschaftliche Produkte, Getraenke, Brote (pan rosceta) oder Kaese aufgehaengt wird. Der Tradition nach, muss am Ende der Feier eine Familie gefunden werden, die das Fest im folgenden Jahr geben wird und die Pucara aufstellt, doch da diese immer waechst (die Menge der aufgehaengten Dinge verdoppelt sich jaehrlich) gibt es auch die Moeglichkeit die Dinge zu verteilen: So kann eine Familie z.B. ein Brot und eine Cola erhalten und muss im folgenden Jahr zwei Brote und zwei Cola fuer die Pucara zur Verfuegung stellen. So wird die finanzielle Last fuer die gastgebende Familie nicht zu schwer. Diese Tradition stammt eigentlich vom Karneval, der in dieser Region das groesste Fest darstellt.
Manche Leute sagen, dass es nicht gut sei, dieses Ritual zu anderen Anlaessen durchzufuehren und erklaeren sich so, dass es z.B. nicht mehr so viel regnet wie frueher.

Am folgenden Tag haben wir in einer der Schulen unseren Workshop zu Vielfalt durchgefuehrt, doch dieses Mal war der theoreische Teil kuerzer und es gab eine praktische Phase: die 15 teilnehmenden Schueler erhielten jeweils in 3er- Gruppen eine "Wegwerf- Kamera" und hatten den Auftrag, mit dieser die Vielfalt ihres Ortes zu fotographieren. Wir waren sehr gespannt und folgten ihnen nach einer gewissen Zeit: Alle waren zum Fluss des Ortes gelaufen und machten dort Fotos von sich in den Gaerten und vor den Eycalyptus Bauemen! Auf die Frage, warum sie denn keine Bilder von ihrem Dorf machten, sagten sie: ¡Es feo! (= Es ist haesslich!)

Als die Bilder entwickelt waren, waren wir etwas enttaeuscht: tatsaechlich waren es meistens Bilder von den Kindern selbst vor wechselndem Hintergrund und nicht wie erhofft Aufnahmen der Umgebung, der Familien oder des Ortes selbst aus der Perspektive und den Augen eines Kindes. Das naechste mal muessen wir wohl doch genauere Angaben machen! Der zweite Teil des Workshops bestand darin, die besten 2 Bilder jedes Photographen in der Kleingruppe auszuwaehlen. Mit diesen gestalltete die Gruppe dann ein gemeinsames Bild. Das Ergebnis waren 5 farbenfrohe Bilder, die dann ausgestellt wurden. Anschliessend wurde die Ausstellung eroeffnet und die Schueler aller Klassen kamen, um sich diese anzusehnen. Als wir sahen, wie gluecklich und stolz die Schueler waren als sie die Fotos erhielten und ausstellten, waren auch wir voellig zufrieden mit dem Ergebnis des Kamera- Experimentes.

Am kommenden Tag machten wir uns wieder auf und radelten auf der Entdeckung der Vielfalt in Richtung Cochabamba, wo der Sitz des terre des hommes Andenbueros ist.

Hier die Fotos zu unserem Besuch bei CESATCH
CESATCH

Montag, 17. September 2007

LIDER, informelle Bildung, Sucre, Bolivia

LIDER (linea institutional de desarrollo rural), wird durch terre des hommes in einem Projekt in der Stadt Sucre unterstuetzt. Viele Jugendliche ziehen mit ihren Familien, oder auch alleine, in die Stadt, da sie dort auf ein besseres Leben hoffen. Doch in der Realitaet ist es fuer die Eltern oft schwer in der Stadt eine Arbeit mit fester Anstellung zu finden. So leben sie meistens in abgelegenen Vierteln, die sich durch schlechte Infrastruktur auszeichnen. Manchmal sind die Strassen nicht asphaltiert, andere Male gibt es keinen Strom, oder kein fliessendes Wasser.

Doch die Kinder sollen es besser haben - darum gehen sie in die Schule und arbeiten hart daran, einen Abschluss zu erhalten. An dieser Stelle setzt das Projekt von LIDER an: In den Schulen der Randbezirke werden workshops fuer die Jugendlichen angeboten, in denen sie zu guten, kritischen "Anfuehrern" (span. = lider) ausgebildet werden, mit dem Ziel, dass sie Verantwortung in ihren Vierteln uebernehmen oder sich in anderen Organisationen der Zivilgesellschaft engagieren koennen.

Der Grund dafuer, dass Jugendliche die Zielgruppe sind, ist, dass 49,2% der bolivianischen Bevoelkerung unter 19 Jahren alt sind, wenn man die jungen Erwachsenen von 20 bis 24 Jahren dazunimmt, sind es knapp 59%! Demnach sind die Jugendlichen nicht Boliviens Zukunft, sondern dessen Gegenwart! Doch diese grosse Bevoelkerungsgruppe ist nach wie vor diejenige, die am wenigsten politische Macht hat. Und nur ein verschwindend geringer Anteil der Jugendlichen nimmt an sozialen oder politischen Gremien teil.

In einem workshop, an dem wir teilnahmen, wurde gemeinsam mit den Jugendlichen erarbeitet, warum es so wenig Partizipation von Jugendlichen in den Nachbarschaftszentren gibt: Die Jugendlichen haben einerseits Angst, sie koennen sich nicht aeussern, andererseits fuehlen sie sich von den Erwachsenen nicht ernst genommen. Andere haben kein Interesse oder einfach keine Informationen ueber ihre Rechte und Moeglichkeiten.

LIDER arbeitet mit ueber 100 Jugendlichen und jungen Erwachsenen von 13 bis 25 Jahren in den Rangebieten Sucres. Sie lernen in verschiedenen Modulen die Geschichte Boliviens, wie Demokratie funktioniert, die aktuelle politische Situation und ihre Rechte von einer kritischen Seite aus kennen. Diese Module sind partizipativ aufgebaut, mit dem Ziel, dass die TeilnehmerInnen selber den Ablauf aktiv mitgestallten koennen und durch die Parxis lernen, sowie Vorbehalte abbauen. Hierzu ist anzumerken, dass der Unterrichtsstil in Bolivien meist frontal ist und es den Schuelern oft schwer faellt, sich frei zu aeussern und ihre Gedanken auszudruecken. (Manche trauen sich noch nicht einmal sich vorzustellen.) Durch diese neue Form des Lernens werden viele dieser Hemmungen abgebaut.

Besonders hervorzuheben ist, dass das Thema wirklich Anklang findet. So haben sich aeltere Geschwister von workshop Teilnehmern an LIDER gewandt mit der Bitte, ebenfalls an diesen workshops teilnehmen zu koennen und daraufhin eine eigene Gruppe gegruendet.

Wie wir selber miterleben konnten, nehmen die Schueler mit grosser Freude an den workshops teil. So wurde die Frage, ob sie mit uns zu einem extra Termin in ihrer Freizeit einen workshop zum Thema "Vielfalt" machen moechten, in allen Klassen einstimmig mit ¡¡Siii!! (= Jaaaa!!!) beantwortet. (Soviel Zustimmung haetten wir nicht erwartet!)

In den workshops haben wir unsere Methoden etwas auf die speziellen Besonderheiten jeder einzelnen Gruppe abgestimmt. Ziel war es jeweils zu erarbeiten, was Vielfalt ist, die Zusammenhaenge zwischen der bolivianischen Vielfalt und dem Weltmakt darzustellen, und Loesungen zu erarbeiten, was getan werden kann, um die vorhandene Vielfalt zu erhalten. Besonders gut geeignet war der Film "Liebevolle Lehrer" (Vorstellung von PRATEC, Peru), um ein Beispiel zu zeigen, wie die Vielfalt in den Anden Perus erhalten wird.

In vier verschiedenen Gruppen haben wir unseren workshop angeboten. Die Ergebnisse waren so vielfaeltig wie das Thema selbst. Mal lagen die Schwerpunkt mehr in der Biodiversitaet, eine andere Gruppe diskutierte sehr kontrovers ueber die kulturellen Anspekte der Vielfalt im besondern fuer Bolivien.

Etwas, das die Teilnehmer in ihrer Sprache Quetchua gerne nach Deutschland weitergeben moechten:

¡Ukhu sunquymanta jatun napayku apakunaykichis tiyan!
(dtsch = Von ganzem Herzen senden wir liebe Gruesse an alle!)

¡Ancha munakuyku kay pachata!
(dtsch = Wir moegen diese Welt sehr!)

¡Nuquayku munayku kay tukay yachaykunasta wawaquaychakunata tukuy mundu jallp’api!
(dtsch = Wir mochten, dass alle Kuturen auf der ganzen Welt erhalten bleiben!)

Und in spanisch:
¡La diversidad no sea motivo de conflictos, sí no para unir nos mas!
(dtsch = Die Vielfalt sollte kein Grund fuer Konflikte sein, sondern dafuer, uns mehr zu vereinigen!!)!


Fotos zu diesem Projektbesuch in einer Diashow
LIDER

Mittwoch, 5. September 2007

PASOCAP, NATSs in Potosí, Bolivien

Der erste Projektpartner von terre des hommes, den wir in Bolivien besuchten, befindet sich in Potosí (knapp 4000m), der hoechstgelegenen Stadt dieser Groesse der Welt. In der Region gibt es nicht viele Einkommensquellen, das Klima ist zaeh und die Hoehe und abgelegene Lage inmitten der Anden, zieht keine weitere Industrie an. Was es gibt, sind Minen: Es wird Zinn, Kupfer und Silber abgebaut. Da die Gehaelter im nationalen Vergleich sehr hoch sind, werden die Gefahren der Minenarbeit ignoriert und mit dem derzeitigen Boom im Mineralgeschaeft steigt auch die Zahl der Minenarbeiter. Auch viele Kinder und Jugendliche gehen dort arbeiten, um zum Wohl der Familie beizutragen. PASOCAP (Pastoral Social y Caritas Potosi) ist Projektpartner von terre des hommes und versucht mit dem Projekt fuer arbeitende Kinder und Jugendlichehe dem vorzubeugen, dass diese in die Minen gehen.

PASOCAP ist dort die Anlaufstelle fuer arbeitende Kinder und Jugendliche, die in nicht ausbeuterischen Bereichen arbeiten und parallel die Schule besuchen. Das sind zwei der Hauptbedingungen, die sie erfuellen muessen. Wenn sie die Schule abbrechen, oder nicht bereit sind sich in einer anzumelden, dann duerfen sie nicht weiter Mitglied der NATs sein. Diese Regeln haben die Kinder und Jugendlichen fuer sich selber festgelegt. Bei PASOCAP koennen sie Unterstuetzung bei fast allen Schwierigkeiten finden, ob es Hausaufgaben sind oder Konflikte bei der Arbeit.

NATs, niñ@s y adolescentes tarbajadores (= arbeitende Kinder und Jugendliche), ist die Organisation, in der sich arbeitende Kinder und Jugendliche auf ganzen Welt zusammenschliessen, um sich besser fuer ihre Rechte einsetzen zu koennen.
Die arbeitenden Kinder und Jugendliche Potosís sind primaer gemaess ihres Arbeitszweiges organisiert, dort werden Delegierte als Vertreter (span. "lider") gewaehlt, die an den gemeinsamen Treffen bei PASOCAP teilnehmen. Die NATS in der Region Potosí sind in dem Netzwerk CONNATSOP zusammengeschlossen und diese wiederum im bolivianischen Netz UNATsBO. An den Netzwerktreffen nehmen in den untergeordneten Gremien gewaehlte Delegierte teil (z.B. fuhren 2 Del. zu einem nationalen Treffen der UNATsBO, in dem wiederum gewaehlt wurde, wer aus Bolivien zu dem internationalen Treffen der suedamerikanischen NATs faehrt).

Bei PASOCAP informieren sich die arbeitenden Kinder und Jugendlichen in workshops ueber ihre Rechte und bilden sich in "Fuehrerschaft" (span. "liderazgo") weiter. Andere wichtige Dinge, die sie dort lernen, sind Respekt voreinander, auch bei der Arbeit, und Verantwortungsbewusstsein. Doch was den Kindern und Jugendlichen mindestens genauso wichtig ist ist, dass sie dort ihre Freunde treffen, mit aehnlichen Beduerfnissen und Schwierigkeiten.

Sie organisieren sich selber und sie sind verantwortlich fuer das Zustandekommen von Aktivitaeten - die Angestellten im Buero sind dafuer da, sie zu unterstuetzen: In Konflikten vermitteln sie und bei anderen Schwierigkeiten beraten sie. Doch der Hauptaktivist bleibt der Jugendliche.

In der Zeit, in der wir dort waren, liefen die Vorbereitungen fuer das grosse Fest, die Chutillos, auf Hochtouren. Das groesste Fest Potosis zu Ehren des San Bartolomé dauert 3 Tage und Tanzgruppen aus ganz Bolivien reisen dafuer an. Teilnehmen durften alle arbeitenden Kinder und Jugendlichen, die bei den CONNATSOP organisiert sind, aber auch diejenigen, die noch nicht organisiert sind! Jeden Abend wurde der Tanz der "Negritos" ("die kleinen Schwarzen") geprobt. Dann trafen sich bis zu 80 Kinder im Buero von PASOCAP und auf der Strasse wurde mit lauter Musik geprobt.

An den Chutillos nahmen die CONNATSOP zum zweiten mal teil, da es die Moeglichkeit bietet, den Bekanntheitsgrad der Organisation zu steigern. Die Kinder und Jugendlichen machen zu Ehren des Heiligen San Bartolome mit, oder einfach, um Spass zu haben und weil sie gerne tanzen.Der Tanz der Negritos soll an das harte Leben der ehemaligen Sklaven Boliviens erinnern und ist einer von vielen traditionellen Taenzen. Von den CONNATSOP wurde er aus zwei Gruenden ausgewaehlt:
1) sie wollen zeigen, dass es immer noch Ausbeutung gibt.
2) weil die Kleidung der maennlichen Negritos leicht selber herstellbar ist.

Im Zusammenhang mit der Vorbereitung des grossen Aufrtitts, gab es viel zu erledigen, so dass wir einfach mit anpackten. Es musste ein Plakat gemalt werden, die Kostueme mussten organisiert werden, u.v.m. Ausserdem kam eine Gruppe von NATs aus El Alto, La Paz angereist, um mit den CONNATSOP gemeinsam zu tanzen, was zusaetzliche Arbeit bedeutete.

Wir hatten die Moeglichkeit an einer gemeinsamen Versammlung der beiden NATs-Gruppen teilzunehmen. Es waren ueber 70 Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 20 Jahren. Es war spannend den Prozess zu beobachten. So erfuhren wir auch, wie dieses Zusammentreffen der NATS-Gruppen finanziert wurde: Die Kinder und Jugendlichen aus La Paz muessen fuer die Tansportkosten und die Leihgebuehren ihrer Kostueme selber aufkommen, und die Mitglieder von CONNATSOP sind fuer die Unterbringung und das leibliche Wohl verantwortlich. Hierzu zahlen sie kleine Betraege aus ihren Gemeinschaftskassen und schreiben Werbungsbriefe (z.B. an den Buergermeister und Unternehmen/Gewerkschaften), um zusaetzliche Gelder zu aquirieren. Ausserdem muss jeder, der an den Chutillos mittanzt, einen symbolischen Beitrag von 30 BS (= 3€) zahlen, mit dem die Blaskapelle und die Verpflegung waehrend der Parade gezahlt wird. (Fuer manche ist dieser Betrag jedoch schon die Huerde zum Mittanzen.) Ihre Idee ist es, dass sie 80% der noetigen Gelder selber aufbringen, bevor sie Hilfsorganisationen wie PASOCAP oder tdh um finanzielle Unterstuetzung bitten.

Am Sonntag war es dann soweit, die Negritos waren die ersten, die morgens um 9 Uhr losmarschieren mussten. Anfangs waren alle noch sehr aufgeregt, doch als sie sich dann warmgetanzt hatten, lief es dafuer um so besser.... alle haben sich gefreut, als sie nach 4 Stunden ins Ziel liefen....

Um unsere Recherche zu "Vielfalt" weiter zu treiben bereiteten wir fuer die zweite Woche einen workshop vor. In diesem stellten wir unsere Reise kurz vor und was terre des hommes in Deutschland ist und macht. Es war spanned fuer die Jugendlichen zu sehen, dass es dort Kinder und Jugendliche gibt, die sich fuer ihr Wohl einsetzen. Doch am spannensten fanden sie es ihren Arbeitsbereich in Deutschland kennen zu lernen:
Zeitungsverkaeufer <-> Zeitungsautomat
Schuputzer <-> Schuhputzmaschine
Friedhofreiniger <-> Grabpfleger
Gepaecktraeger... hier <-> dort

Anschliessend haben wir mit ihnen ueber Vielfalt geredet, was es fuer sie bedeuetet und wie die lokale Vielfalt durch die Globalisierung des Handels bedroht wird. So konnten wir die Kinder und Jugendlichen, fuer die Vielfalt anfangs noch ein leerer Begriff war, etwas sensibilisieren. Dass sie viele eigene Traditionen und Kulturen in Bolivien haben, das wissen sie, doch dass diese in Gefahr sind, das haben sie noch nicht wirklich realisiert, obwohl sie in der eigenen Familie sehen, dass nur noch die Alten die typischen Trachten tragen... besonders deutlich ist auch das Beispiel ihrer Sprache, des Quetchuas: Die Alten sprechen nur Quetchua und kein Spanisch, die ganz jungen koennen zwar beides, reden aber oft nur Spanisch!

DIASHOW zum Projektbesuch
PASOCAP